Gelöste Thermodynamikaufgabe

Evapotranspiration eines großen Baumes: eine natürliche Klimaanlage?

Übung 2 · Lektion 2Geschichte der Thermodynamik und Kalorimetrie

  • Größenordnung
  • Evapotranspiration
  • Baum
  • latente Wärme
  • Kühlleistung
  • Klimaanlage
  • COP

Aufgabenstellung

An einem heißen und trockenen Tag kann ein großer Baum bei ausreichender Wasserversorgung ungefähr 500L=5,0×101m3500\,\text{L}=5{,}0\times10^{-1}\,\text{m}^3 Wasser evapotranspirieren. Da die Transpiration hauptsächlich bei Licht stattfindet, nehmen wir an, dass sie sich über zwölf Stunden verteilt. Die Baumkrone bedecke am Boden eine Fläche ABaum=50m2A_{\text{Baum}}=50\,\text{m}^2. Gegeben sind die Dichte des Wassers und seine Verdampfungsenthalpie bei Atmosphärendruck:

ρWasser=1,0×103kg ⁣ ⁣m3,Lv=2,45×106J ⁣ ⁣kg1.\rho_{\text{Wasser}}=1{,}0\times10^3\,\text{kg}\!\cdot\!\text{m}^{-3}, \qquad L_v=2{,}45\times10^6\,\text{J}\!\cdot\!\text{kg}^{-1}.
  1. Berechnen Sie die während des Tages evapotranspirierte Wassermasse und die zu ihrer Verdampfung erforderliche Energie.
  2. Erklären Sie, warum dadurch eine Kühlwirkung entsteht.
  3. Berechnen Sie während der zwölf Stunden aktiver Transpiration die mittlere Kühlleistung des Baumes pro Quadratmeter.
  4. Zum Vergleich betrachten wir eine Klimaanlage mit elektrischer Leistungsaufnahme Pel=2,0×103WP_{\mathrm{el}}=2{,}0\times10^3\,\text{W}, einer Leistungszahl COP=3,0\mathrm{COP}=3{,}0 und einer gekühlten Raumfläche ARaum=20m2A_{\mathrm{Raum}}=20\,\text{m}^2. Definitionsgemäß gilt COP=Pcool/Pel\mathrm{COP}=P_{\mathrm{cool}}/P_{\mathrm{el}}. Berechnen Sie die Kühlleistung und die Kühlleistung pro Quadratmeter und vergleichen Sie diese Werte mit denen des Baumes.
  5. Warum kann man nicht folgern, dass Baum und Klimaanlage genau dieselbe empfundene Kühlung bewirken, selbst wenn ihre Leistungen pro Flächeneinheit dieselbe Größenordnung haben?
  6. Kann man eine Wohnung mit vielen Zimmerpflanzen kühlen? (Allgemeinwissen: Die Antwort hängt von biologischen Vorgängen ab.)

Hinweis

Hinweis
Verwenden Sie m=ρVm=\rho V, Qverd=mLvQ_{\mathrm{verd}}=mL_v und P=Q/τP=Q/\tau. Für die Klimaanlage gilt Pcool=COPPelP_{\mathrm{cool}}=\mathrm{COP}\,P_{\mathrm{el}}.

Ausführliche Lösung

Lösung
1. Die entsprechende Wassermasse ist

m=ρWasserV=1,0×103×5,0×101=5,0×102kg.m=\rho_{\text{Wasser}}V =1{,}0\times10^3\times5{,}0\times10^{-1} =5{,}0\times10^2\,\text{kg}.

Die zur Verdampfung erforderliche Energie beträgt daher

Qverd=mLv=5,0×102×2,45×106=1,225×109J.Q_{\mathrm{verd}}=mL_v =5{,}0\times10^2\times2{,}45\times10^6 =1{,}225\times10^9\,\text{J}.

Die Größenordnung ist also ein Gigajoule.

2. Die Verdampfung ist ein endothermer Phasenübergang: Die Energie wird den Blättern, dem Boden und der umgebenden Luft entzogen. Dieser Wärmeentzug senkt die Temperatur der Blätter und ihrer unmittelbaren Umgebung und erzeugt so die Kühlwirkung.

3. Zwölf Stunden entsprechen τ=12×3600=4,32×104s\tau=12\times3600=4{,}32\times10^4\,\text{s}. Damit beträgt die mittlere Kühlleistung

PBaum=Qverdτ=1,225×1094,32×1042,84×104W,P_{\text{Baum}}=\frac{Q_{\mathrm{verd}}}{\tau} =\frac{1{,}225\times10^9}{4{,}32\times10^4} \approx2{,}84\times10^4\,\text{W},

und bezogen auf die überdeckte Fläche

PBaumABaum=2,84×104505,7×102W ⁣ ⁣m2.\frac{P_{\text{Baum}}}{A_{\text{Baum}}} =\frac{2{,}84\times10^4}{50} \approx5{,}7\times10^2\,\text{W}\!\cdot\!\text{m}^{-2}.

4. Die nutzbare Kühlleistung der Klimaanlage ist

Pcool=COPPel=3,0×2,0×103=6,0×103W.P_{\mathrm{cool}}=\mathrm{COP}\,P_{\mathrm{el}} =3{,}0\times2{,}0\times10^3 =6{,}0\times10^3\,\text{W}.

Bezogen auf die Raumfläche gilt

PcoolARaum=6,0×10320=3,0×102W ⁣ ⁣m2.\frac{P_{\mathrm{cool}}}{A_{\mathrm{Raum}}} =\frac{6{,}0\times10^3}{20} =3{,}0\times10^2\,\text{W}\!\cdot\!\text{m}^{-2}.

In diesem Modell ist die Evapotranspirationsleistung des Baumes pro Flächeneinheit somit fast doppelt so groß wie die einer üblichen Klimaanlage.

5. Der Vergleich betrifft nur Energieflüsse. Die Klimaanlage kühlt einen geschlossenen und kontrollierten Raum, während sich der vom Baum erzeugte Wasserdampf in der Atmosphäre verteilt und der Wind warme Luft heranführt. Die empfundene Wirkung hängt daher von Lüftung, Luftfeuchte, Umgebungstemperatur und Abstand zum Baum ab. Außerdem variiert die Transpiration mit Sonneneinstrahlung, Wind, Luftfeuchte, Baumart und Wasserangebot und kann bei Trockenheit stark abnehmen. Andererseits spendet der Baum Schatten und verringert dadurch unmittelbar die auf Boden und Menschen treffende Sonnenstrahlung. Die berechneten Leistungen ermöglichen also einen Vergleich der Größenordnungen, aber keine exakte Gleichsetzung des thermischen Komforts.

6. In der Praxis wäre die Kühlwirkung von Zimmerpflanzen sehr gering. Bei den meisten Pflanzen fördert Licht die Öffnung der Stomata, kleiner Poren in den Blättern, durch die Wasserdampf entweicht. Innenräume sind meist schwach beleuchtet, sodass sich die Stomata weniger öffnen und die Transpiration abnimmt. In einem schlecht belüfteten Raum bremst zudem die zunehmende Luftfeuchte allmählich die Verdampfung.

Viele Pflanzen können daher eine leichte lokale Verdunstungskühlung bewirken, ersetzen aber keine Klimaanlage. Um dem Gebäude dauerhaft Energie zu entziehen, müsste die feuchte Luft nach außen abgeführt werden. Eine intensive künstliche Beleuchtung könnte die Transpiration anregen, doch ihre elektrische Energie würde schließlich fast vollständig als Wärme im Raum enden. An trockene Lebensräume angepasste CAM-Pflanzen, darunter Kakteen, bilden eine Ausnahme: Ihre Stomata öffnen sich hauptsächlich nachts.