Gelöste Thermodynamikaufgabe

Integration einer Differentialform entlang eines Weges

Übung 6 · Lektion 4Der erste Hauptsatz der Thermodynamik

  • Differentialform
  • exaktes Differential
  • Schwarz-Kriterium
  • Kurvenintegral

Arbeitsfassung — diese Übung wird noch geprüft.

Aufgabenstellung

Gegeben sind die beiden Differentialformen

ω1=ydx+xdy,ω2=ydx,\omega_1 = y\,\mathrm{d}x + x\,\mathrm{d}y, \qquad \omega_2 = y\,\mathrm{d}x,

und drei Wege vom Ursprung O(0,0)O(0,0) zum Punkt M(1,1)M(1,1): der Weg γ1\gamma_1 besteht aus der horizontalen Strecke O(1,0)O\to(1,0) und anschließend der vertikalen Strecke (1,0)M(1,0)\to M; der Weg γ2\gamma_2 aus der vertikalen Strecke O(0,1)O\to(0,1) und anschließend der horizontalen Strecke (0,1)M(0,1)\to M; und der Weg γ3\gamma_3 ist die gerade Strecke, die OO direkt mit MM verbindet.

  1. Zeigen Sie durch Angabe einer Funktion ff mit ω1=df\omega_1=\mathrm{d}f, dass ω1\omega_1 exakt ist.
  2. Berechnen Sie γ1ω1\int_{\gamma_1}\omega_1 und γ2ω1\int_{\gamma_2}\omega_1, indem Sie jede Strecke parametrisieren. Ermitteln Sie das Ergebnis anschließend ohne Rechnung.
  3. Wenden Sie das Schwarz-Kriterium auf ω2\omega_2 an. Was folgt daraus?
  4. Berechnen Sie γ1ω2\int_{\gamma_1}\omega_2, γ2ω2\int_{\gamma_2}\omega_2 und γ3ω2\int_{\gamma_3}\omega_2. Kommentieren Sie die Ergebnisse.

Hinweis

Hinweis
Auf einer horizontalen Strecke gilt dy=0\mathrm{d}y=0, auf einer vertikalen Strecke dx=0\mathrm{d}x=0: Jedes Integral reduziert sich auf ein einfaches Integral.

Ausführliche Lösung

Lösung
Frage 1. Die Funktion f(x,y)=xyf(x,y)=xy ist geeignet, denn f/x=y\partial f/\partial x=y und f/y=x\partial f/\partial y=x.

Frage 2. Für eine durch t(x(t),y(t))t\mapsto\bigl(x(t),y(t)\bigr) parametrisierte Kurve gilt

γω1=[y(t)x(t)+x(t)y(t)]dt.\int_\gamma\omega_1=\int\left[y(t)x'(t)+x(t)y'(t)\right]\,\mathrm{d}t.

Der Weg γ1\gamma_1 ist die Vereinigung zweier Strecken. Auf der ersten gilt x(t)=tx(t)=t, y(t)=0y(t)=0 mit t[0,1]t\in[0,1]; somit sind dx=dt\mathrm{d}x=\mathrm{d}t und dy=0\mathrm{d}y=0. Auf der zweiten gilt x(t)=1x(t)=1, y(t)=ty(t)=t, ebenfalls mit t[0,1]t\in[0,1]; somit sind dx=0\mathrm{d}x=0 und dy=dt\mathrm{d}y=\mathrm{d}t. Daher

I1=γ1ω1=01(0×1+t×0)dt+01(t×0+1×1)dt=0+01dt=1.\begin{aligned} I_1=\int_{\gamma_1}\omega_1 &=\int_0^1\left(0\times1+t\times0\right)\,\mathrm{d}t +\int_0^1\left(t\times0+1\times1\right)\,\mathrm{d}t\\ &=0+\int_0^1\mathrm{d}t=1. \end{aligned}

Für γ2\gamma_2 wird die erste Strecke durch x(t)=0x(t)=0, y(t)=ty(t)=t und die zweite durch x(t)=tx(t)=t, y(t)=1y(t)=1 parametrisiert, jeweils mit t[0,1]t\in[0,1]. Damit ergibt sich

I2=γ2ω1=01(t×0+0×1)dt+01(1×1+t×0)dt=0+01dt=1.\begin{aligned} I_2=\int_{\gamma_2}\omega_1 &=\int_0^1\left(t\times0+0\times1\right)\,\mathrm{d}t +\int_0^1\left(1\times1+t\times0\right)\,\mathrm{d}t\\ &=0+\int_0^1\mathrm{d}t=1. \end{aligned}

Die beiden Werte stimmen überein. Dies war ohne Rechnung vorhersehbar: Da ω1=df\omega_1=\mathrm{d}f mit f(x,y)=xyf(x,y)=xy gilt, hängt das Integral nur von den Endpunkten ab,

γω1=f(M)f(O)=f(1,1)f(0,0)=1.\int_\gamma\omega_1=f(M)-f(O)=f(1,1)-f(0,0)=1.

Frage 3. Schreiben wir ω2=A(x,y)dx+B(x,y)dy\omega_2=A(x,y)\,\mathrm{d}x+B(x,y)\,\mathrm{d}y. Hier sind A(x,y)=yA(x,y)=y und B(x,y)=0B(x,y)=0. Wäre die Form exakt, so würde das Schwarz-Kriterium liefern

Ay=Bx.\frac{\partial A}{\partial y}=\frac{\partial B}{\partial x}.

Es gilt jedoch A/y=1\partial A/\partial y=1, während B/x=0\partial B/\partial x=0 ist. Die gemischten Ableitungen unterscheiden sich; ω2\omega_2 ist daher nicht exakt. Sein Integral kann also vom zwischen OO und MM gewählten Weg abhängen, wie die folgende Rechnung bestätigt.

Frage 4. Da ω2=ydx\omega_2=y\,\mathrm{d}x gilt, kann nur eine Änderung von xx bei einem von null verschiedenen Wert von yy zum Integral beitragen. Mit den vorherigen Parametrisierungen erhält man auf γ1\gamma_1

J1=γ1ω2=010×1dt+01t×0dt=0.\begin{aligned} J_1=\int_{\gamma_1}\omega_2 &=\int_0^1 0\times1\,\mathrm{d}t+\int_0^1 t\times0\,\mathrm{d}t\\ &=0. \end{aligned}

Auf γ2\gamma_2 gilt auf der ersten Strecke x(t)=0x(t)=0, also dx=0\mathrm{d}x=0; auf der zweiten sind x(t)=tx(t)=t, y(t)=1y(t)=1 und dx=dt\mathrm{d}x=\mathrm{d}t. Somit

J2=γ2ω2=01t×0dt+011×1dt=1.\begin{aligned} J_2=\int_{\gamma_2}\omega_2 &=\int_0^1 t\times0\,\mathrm{d}t+\int_0^1 1\times1\,\mathrm{d}t\\ &=1. \end{aligned}

Die diagonale Strecke γ3\gamma_3 wird schließlich parametrisiert durch

x(t)=t,y(t)=t,t[0,1],x(t)=t,\qquad y(t)=t,\qquad t\in[0,1],

woraus dx=dt\mathrm{d}x=\mathrm{d}t und dy=dt\mathrm{d}y=\mathrm{d}t folgen. Daher

J3=γ3ω2=01y(t)x(t)dt=01tdt=12.J_3=\int_{\gamma_3}\omega_2 =\int_0^1y(t)x'(t)\,\mathrm{d}t =\int_0^1t\,\mathrm{d}t=\frac12.

Die drei Wege haben dieselben Endpunkte, liefern aber drei verschiedene Werte: J1=0J_1=0, J2=1J_2=1 und J3=1/2J_3=1/2. Genau diese Wegabhängigkeit kennzeichnet eine nicht exakte Differentialform.