Mathematische Struktur: die fundamentalen Beziehungen
Fundamentale Beziehungen und thermodynamische Potentiale.
In der vorigen Lektion haben wir die Entropie und den zweiten Hauptsatz eingeführt und daraus die Fundamentalgleichung für ein geschlossenes System hergeleitet. Nun untersuchen wir, was diese Beziehung über die Variablen eines thermodynamischen Systems und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten aussagt. Wir betrachten hier ein einfaches System: einen reinen Stoff (mit nur einer chemischen Komponente), der homogen ist (an jedem Ort dieselben lokalen makroskopischen Eigenschaften besitzt) und an dem ausschließlich Druckarbeit verrichtet wird. Im Laufe dieser Lektion zeigen wir auch, wie sich diese Beschreibung auf Gemische aus mehreren chemischen Spezies verallgemeinern lässt.
1. Die Fundamentalgleichung verstehen
Bevor wir diese Beziehung interpretieren, erweitern wir sie auf offene Systeme, um unmittelbar den Fall einer veränderlichen Stoffmenge zu behandeln.
1.1. Erweiterung auf offene Systeme
In Lektion 6 betrachteten wir einen lokal reversiblen Weg zwischen zwei benachbarten Gleichgewichtszuständen eines geschlossenen Systems. Daraus erhielten wir und und anschließend
mithilfe des ersten Hauptsatzes. In einem offenen System kann sich die Teilchenzahl ändern. Das Energiedifferential enthält dann einen zusätzlichen Term:
Der Koeffizient heißt chemisches Potential.
Dabei behandeln wir als kontinuierliche Variable, obwohl es sich streng genommen um eine ganze Zahl handelt. Diese Näherung ist für makroskopische Systeme mit geeignet.
Trotz seines Namens tritt der Koeffizient auch ohne chemische Reaktion auf. Um seine Bedeutung zu verstehen, halten wir und fest: Es bleibt . Das chemische Potential misst somit die Änderung der inneren Energie pro hinzugefügtem Teilchen bei konstanter Entropie und konstantem Volumen. Es hat die Dimension einer Energie.
Eine anschauliche Vorstellung ergibt sich aus der Analogie zur Temperatur: So wie Wärme spontan von einem warmen in ein kaltes Medium fließt, gehen Teilchen einer Spezies bei gleicher Temperatur bevorzugt aus dem Medium mit höherem chemischem Potential in dasjenige mit niedrigerem chemischem Potential über, sofern die Wand sie durchlässt. Die Gleichheit der chemischen Potentiale ist daher eine Gleichgewichtsbedingung für den Stoffaustausch, ebenso wie die Gleichheit der Temperaturen eine Bedingung für das thermische Gleichgewicht ist. Dies werden wir in Abschnitt 6 ausdrücklich beweisen.
1.2. Fundamentale Variablen und Zustandsgleichungen
Inzwischen haben wir viele thermodynamische Variablen eingeführt: , , , , , und . Diese Vielzahl verwirrt Studierende häufig. Daher stellt sich die Frage: Lassen sich diese Variablen unabhängig voneinander wählen? Falls nicht, welche muss man vorgeben, um die übrigen zu bestimmen? Wir haben bereits gesehen, dass einige durch eine Zustandsgleichung miteinander verknüpft sind, etwa beim idealen Gas. Doch wie viele Zustandsgleichungen besitzt ein einfaches System, und wie viele tatsächlich unabhängige Variablen bleiben übrig?
Die Fundamentalgleichung beantwortet diese entscheidende Frage. Erinnern wir uns dazu an die Definition des Differentials einer Funktion :
Der Vergleich mit der Beziehung führt zu zwei Folgerungen.
Diese drei Beziehungen sind die Zustandsgleichungen: Sie geben , und als Funktionen von , und an.
Die Rolle der verschiedenen Variablen in muss klar sein. Dass , und darin auftreten, bedeutet nicht, dass sie als drei weitere unabhängige Variablen zu , und hinzukommen. Sie sind die Koeffizienten des Differentials und selbst Funktionen von , und : , und entsprechend für und . Die nichttriviale Aussage der Fundamentalgleichung besteht darin, dass diese drei Funktionen die Ableitungen derselben Funktion sind. Ihre Änderungen werden somit bereits durch die Änderungen von , und erfasst; sie fügen dieser Beschreibung keine drei unabhängigen Variablen hinzu.
Damit sind die sieben eingeführten Parameter nicht alle unabhängig. Für ein gegebenes einfaches System reichen drei extensive Parameter, , und , aus, um den Gleichgewichtszustand zu bestimmen: Die Funktion liefert die innere Energie, ihre drei Ableitungen liefern Temperatur, Druck und chemisches Potential.
Man muss also zwischen der Angabe der Parameter , die den Zustand des Systems festlegt, und der Angabe der Funktion unterscheiden, die das System selbst beschreibt. Diese Funktion heißt Fundamentalgleichung des Systems in der Energiedarstellung. Die Differentialbeziehung (1) gilt für alle einfachen Systeme, doch die Funktion unterscheidet sich von System zu System: Für ein ideales Gas, ein reales Gas, eine Flüssigkeit oder einen Festkörper hat sie jeweils eine andere Form.
Jede Spezies besitzt somit ihr eigenes chemisches Potential. Die Fundamentalfunktion lautet dann , wobei
Die Ableitung wird bei konstanter Entropie, konstantem Volumen und konstanten Teilchenzahlen der übrigen Spezies gebildet.
1.3. Beispiel des einatomigen idealen Gases
Betrachten wir das einatomige ideale Gas, für das wir bereits den Ausdruck
kennen. Er gibt als Funktion von und an. Um ihn in der Form zu schreiben, müssen wir noch durch , und ausdrücken. Solange diese Abhängigkeit unbekannt ist, können wir die beiden letzten Zustandsgleichungen nicht unmittelbar mit den obigen Ableitungen von berechnen. Insbesondere wäre es falsch, aus dem Fehlen von im Ausdruck für zu schließen, dass der Druck null sei: Bei festem und hängt vom Volumen ab. Ebenso muss bei der Berechnung von die Abhängigkeit von von bei festem und berücksichtigt werden. Tatsächlich liefern die Zustandsgleichungen
Diese partiellen Ableitungen berechnen wir in Abschnitt 5: Die erste liefert wieder die Zustandsgleichung , die zweite das chemische Potential des idealen Gases.
1.4. Die Maxwell-Relationen
Die Maxwell-Relationen sind thermodynamische Identitäten, die unabhängig vom betrachteten Stoff gelten. Sie folgen aus der Gleichheit gemischter partieller Ableitungen: Sind die zweiten Ableitungen von stetig, so erlaubt der Satz von Schwarz, die Reihenfolge der Ableitungen zu vertauschen.
Wenden wir ihn bei festem auf die Variablen und an:
Auf der linken Seite wird zunächst nach bei konstantem und abgeleitet, danach die erhaltene Funktion nach bei konstantem und . Nach den Zustandsgleichungen (2) gilt . Diese Seite ergibt somit
Rechts wird zunächst nach bei konstantem und abgeleitet, danach die erhaltene Funktion nach bei konstantem und . Wegen folgt
Die Gleichheit beider Seiten liefert damit die erste Maxwell-Relation:
Dasselbe Vorgehen für die Paare und liefert zwei weitere Beziehungen. Die drei Maxwell-Relationen in der Energiedarstellung lauten somit
Diese Beziehungen folgen unmittelbar aus der Fundamentalgleichung, wenn mindestens zweimal stetig differenzierbar ist. Sie sind daher eine starke, modellunabhängige Vorhersage der Thermodynamik: Jeder Stoff, der durch eine solche Fundamentalfunktion beschrieben wird, muss sie erfüllen (unter diesen Regularitätsannahmen für ).
Umgekehrt existiert lokal eine Funktion mit , wenn die Funktionen , und die Maxwell-Relationen erfüllen (und mindestens sind). Aus den Zustandsgleichungen lässt sich daher durch Integration die Fundamentalfunktion bis auf eine additive Konstante rekonstruieren.
Dieses umgekehrte Vorgehen ist praktisch relevant: Untersucht man einen Stoff im Labor, kennt man seine Fundamentalfunktion nicht von vornherein. Auch die Entropie selbst lässt sich nicht unmittelbar messen; darauf kommen wir in der nächsten Lektion zurück. Experimente liefern vielmehr Beziehungen zwischen messbaren Größen wie Druck, Volumen und Temperatur. Wie wir in der historischen Lektion gesehen haben, wurde die ideale Gasgleichung zunächst experimentell ermittelt. Diese Beziehungen müssen dann integriert werden, um die Fundamentalgleichung des untersuchten Stoffes zu erhalten. Für das ideale Gas führen wir diese Rekonstruktion in Abschnitt 5 durch und bestimmen so seine Fundamentalgleichung .
2. Die Entropiedarstellung
In der Energiedarstellung ist die abhängige Variable: Wir drücken sie als Funktion von , und aus. Stattdessen können wir die Entropie als abhängige Variable wählen, sofern sich bei festem und nach umkehren lässt. Im Folgenden beschränken wir uns auf Bereiche, in denen diese Umkehrung möglich ist, ohne dies jedes Mal zu erwähnen.
Lösen wir die Fundamentalgleichung für nach auf, erhalten wir
Dies ist die Fundamentalgleichung in der Entropiedarstellung. Mit derselben Überlegung wie zuvor sind die natürlichen Variablen von daher , und :
Der Koeffizientenvergleich im Differential liefert wiederum drei Zustandsgleichungen
Dabei handelt es sich nicht um drei Zustandsgleichungen, die von denen der Energiedarstellung unabhängig wären: Sie enthalten dieselbe Information, lediglich bei einer anderen Wahl der Variablen. Die Funktion heißt Fundamentalgleichung in der Entropiedarstellung. Sie enthält dieselbe Information wie .
Die Gleichheit der gemischten Ableitungen von liefert die Maxwell-Relationen dieser Darstellung:
Diese Beziehungen sind nicht unabhängig von denen der Energiedarstellung; sie sind lediglich an diese Wahl der Variablen angepasst.
3. Die Rolle der Extensivität
Für das ideale Gas kennen wir bislang nur zwei explizite Zustandsgleichungen. Das reicht nicht aus, um die Fundamentalgleichung wie in Abschnitt 1.4 vorgesehen vollständig durch Integration zu rekonstruieren. Wir können jedoch eine weitere Eigenschaft nutzen: die Extensivität. Sie erlaubt es, den Satz von Euler auf oder anzuwenden und daraus eine neue, nichttriviale Beziehung abzuleiten, die Gibbs-Duhem-Relation.
Wir untersuchen sie hier zunächst allgemein, bevor wir sie auf das ideale Gas anwenden.
3.1. Extensivität und der Satz von Euler
für alle gilt.
Ist differenzierbar, so besagt der Satz von Euler, dass
Beweis.
Anschließend setzt man .
Die Extensivität von und haben wir in den Lektionen 4 und 6 besprochen. Diese Eigenschaft gilt für makroskopische Systeme, bei denen Oberflächeneffekte und langreichweitige Wechselwirkungen vernachlässigt werden können. Wir nehmen hier an, dass dies zutrifft. Dann gilt:
Das heißt, und sind homogene Funktionen ersten Grades. Die Anwendung des Satzes von Euler auf mit liefert dann:
Setzen wir darin die Zustandsgleichungen (2) ein, erhalten wir die Euler-Relation:
3.2. Die Gibbs-Duhem-Relation
Aus der Euler-Relation folgt eine wichtige thermodynamische Identität für extensive Systeme. Durch Differenzieren erhalten wir
Wir fassen die Terme auf der linken Seite wie folgt zusammen:
Nach der Fundamentalgleichung verschwindet die linke Seite. Es bleibt somit die Beziehung
Sie heißt Gibbs-Duhem-Relation. Sie zeigt, dass die drei intensiven Variablen , und in einer homogenen Phase aus einer einzigen Spezies nicht unabhängig voneinander variieren können.
Durch Differenzieren und mithilfe der Fundamentalgleichung (3) erhalten wir entsprechend
und die Gibbs-Duhem-Relation wird zu
4. Die intensiven Freiheitsgrade
Wir haben ein einfaches System durch drei extensive Variablen, , und , beschrieben. Bei einem extensiven System lassen sich diese drei Variablen zur Beschreibung seines intensiven Zustands auf zwei intensive Variablen zurückführen. Aus der Extensivität folgt nämlich unmittelbar
Die Energie pro Teilchen ist also eine Funktion von nur zwei intensiven Variablen, und .
Zur Beschreibung des vollständigen Systemzustands muss außerdem die Größe des Systems angegeben werden, beispielsweise durch oder eine andere geeignete extensive Größe. Die zwei intensiven Freiheitsgrade dürfen daher nicht mit den drei extensiven Variablen verwechselt werden, die den vollständigen Zustand beschreiben.
In Lektion 10 verallgemeinern wir diese Zählung auf Systeme mit mehreren Komponenten und Phasen und leiten dabei die Gibbs'sche Phasenregel her.
5. Die Fundamentalgleichung des idealen Gases
5.1. Die Sackur-Tetrode-Gleichung
Die Gleichungen des einatomigen idealen Gases lauten und . Dabei ist die Boltzmann-Konstante, die mit der idealen Gaskonstante durch zusammenhängt, wobei die Avogadro-Zahl ist. Mit diesen beiden Gleichungen und der Gibbs-Duhem-Relation lässt sich die Fundamentalgleichung des idealen Gases bestimmen.
Es ist einfacher, statt zu bestimmen. Wir gehen daher von der ersten Zustandsgleichung in der Entropiedarstellung aus:
Durch Integration nach bei festem und mit einer beliebigen Referenzenergie erhalten wir
Dabei ist eine noch unbekannte Funktion. Das Argument des Logarithmus ist damit dimensionslos; wird am Ende mit den anderen Konstanten zusammengefasst. Die zweite Zustandsgleichung liefert anschließend
Durch Einsetzen von (9) und Integration nach erhalten wir
Dabei ist auch ein beliebiges Referenzvolumen, sodass
Nun bleibt mithilfe der Gibbs-Duhem-Relation zu bestimmen. Die Rechnung wird im folgenden Beweis durchgeführt. Bis auf eine Konstante erhält man
Dabei ist eine dimensionsbehaftete Konstante, die nicht von , oder abhängt. Bis auf den Wert von ist dies die Sackur-Tetrode-Formel, die Otto Sackur und Hugo Tetrode 1912 unabhängig voneinander herleiteten1.
Beweis.
Andererseits lautet die Gibbs-Duhem-Relation in der Entropiedarstellung, Gleichung (8),
Dieser Ausdruck lässt sich unmittelbar integrieren zu
Dabei ist eine noch unbestimmte Konstante. Durch Vergleich mit Gleichung (11) erhalten wir
Erneute Integration ergibt:
Dabei ist eine zweite Integrationskonstante. Setzen wir diesen Ausdruck in die Entropie ein und fassen die Logarithmen zusammen, erhalten wir
Alle Terme außer sind extensiv. Damit gilt, muss daher sein. Fassen wir , und in der Konstanten zusammen, erhalten wir
Dabei besitzt die erforderlichen Dimensionen.
5.2. Die Zustandsgleichungen wiedergewinnen
überprüfen wir, dass die in (10) angegebene Fundamentalgleichung die beiden ursprünglichen Zustandsgleichungen liefert. Durch Ableiten nach und erhalten wir
und
Damit erhalten wir tatsächlich wieder und . Es bleibt nur noch, das chemische Potential zu berechnen. Die Ableitung ergibt (überprüfen Sie dies):
6. Gleichgewicht und Stationarität der Entropie
In Lektion 6 haben wir im Abschnitt „Entropie und Gleichgewicht“ angenommen, dass die Entropie eines isolierten Gesamtsystems im Gleichgewicht stationär ist: Ihre Änderung erster Ordnung verschwindet bei kleinen Änderungen der freien Systemparameter unter Einhaltung der vorgegebenen Nebenbedingungen. Wiederholen wir diese Rechnung für zwei Teilsysteme, die auch Teilchen austauschen können. Jedes sei im inneren Gleichgewicht; Beiträge ihrer Grenzfläche werden vernachlässigt. Das Gesamtsystem ist isoliert: Seine Energie , sein Volumen und seine Teilchenzahl sind fest. Die Nebenbedingungen lauten daher
Die Parameter jedes Teilsystems dürfen sich dennoch ändern, sofern sich ihre Änderungen gegenseitig ausgleichen:
Die Trennwand kann zusätzliche Nebenbedingungen auferlegen: Ist sie fest, gilt ; ist sie undurchlässig, gilt . Um zu bestimmen, welche Parameter frei bleiben, müssen daher die zugelassenen Austauschvorgänge angegeben werden.
Drückt man die Parameter des zweiten Teilsystems mithilfe der Nebenbedingungen aus, wird die Gesamtentropie zu einer Funktion von , und :
Die Fundamentalgleichung liefert
Können die drei freien Parameter , und in der Nähe des Gleichgewichts unabhängig voneinander in beide Richtungen variieren, so verlangt die Stationarität, dass die Koeffizienten aller drei Variationen , und verschwinden. Wir erhalten nacheinander:
Die Gleichheit der chemischen Potentiale ergänzt somit die bereits bekannten Bedingungen des thermischen und mechanischen Gleichgewichts. Diese Bedingungen gelten nur für zugelassene Austauschvorgänge: Eine undurchlässige Wand erzwingt beispielsweise , sodass die letzte Bedingung im Gleichgewicht nicht erforderlich ist.
Bei einer durchlässigen, aber festen Wand und gemeinsamer Temperatur gilt einfach
Dies zeigt: Wenn , erhöht ein Teilchentransfer von 2 nach 1 () die Entropie und erfolgt daher spontan. Wie oben angekündigt, geht Materie bei einheitlicher Temperatur bevorzugt von Bereichen höheren chemischen Potentials in Bereiche niedrigeren chemischen Potentials über, bis die chemischen Potentiale im Gleichgewicht übereinstimmen.